Klimawandel und Kriebelmücken in DACH

Die Kriebelmücke ist in Mitteleuropa flächendeckend verbreitet - der Klimawandel verschiebt aber, wann sie fliegt, wo sie vorkommt und welche Arten dominieren. Drei Trends sind in aktuellen Studien aus dem DACH-Raum belegt oder zumindest plausibel modelliert.

1. Drei zentrale Trends

Übersichten der Goethe-Universität Frankfurt, des Umweltbundesamts und des Klima-Warnsignal-Portals der Universität Hamburg[1][2][3] nennen für Kriebelmücken in Mitteleuropa drei klimatische Veränderungen:

  1. Verlängerte Aktivitätssaison durch wärmere Frühjahre und mildere Herbste
  2. Zunahme medizinisch relevanter Tiefland-Arten durch wärmere Winter und veränderte Abflussregime
  3. Tendenz zur Verschiebung in höhere Lagen - allerdings artspezifisch und lokal noch nicht systematisch quantifiziert

2. Längere Aktivitätssaison

Klassisch reicht die Saison von Mai bis September, mit Höhepunkt von Juni bis August. In milden Jahren beobachten Forschungsstellen aber:

Für Pferdebesitzer, Imker und Gärtner heißt das praktisch: Schutzmaßnahmen ab April beginnen und bis Oktober beibehalten, nicht erst ab Mai und nicht nur bis September.

3. Tiefland-Arten nehmen zu

Wissenschaftler an der Goethe-Universität Frankfurt erwarten für Deutschland eine Zunahme medizinisch relevanter Tiefland-Arten[1]. Die Hintergründe:

Konkret bedeutet das, dass Regionen, die früher als "wenig betroffen" galten - z.B. Teile des Norddeutschen Tieflands, Anhalt-Saale, das Münsterland - zunehmend Kriebelmücken-Belastung erleben können.

4. Verschiebung in höhere Lagen

Untersuchungen an alpinen Fließgewässern in Österreich und der Schweiz[4] zeigen, dass Arten, die früher überwiegend in mittleren Höhen vorkamen, zunehmend auch in höheren Lagen nachgewiesen werden. Eine pauschale Höhengrenze - etwa "vordringen über 1.200 m" - ist allerdings nicht durch eine zentrale Studie belegt. Die Verschiebung ist artspezifisch und lokal:

5. Was die Population trotzdem begrenzt

Klimawandel ist nicht der einzige Faktor. Kriebelmücken-Populationen werden zusätzlich begrenzt durch:

Eine flächige Zunahme der Gesamtpopulation in DACH ist daher nicht eindeutig belegt - die regionalen Veränderungen sind aber real und messbar. Mehr dazu unter Kriebelmücken und Gewässer.

6. Was das für die Praxis heißt

Häufige Fragen

Werden Kriebelmücken durch den Klimawandel insgesamt mehr?

Die Saison wird tendenziell länger und neue Regionen werden stärker besiedelt. Ob die Gesamtpopulation in DACH wächst, ist nicht eindeutig - das hängt stark von Wasserqualität und Gewässerstruktur ab.

Sind alle Regionen gleich betroffen?

Nein. Mittelgebirge und Voralpen sind bereits Schwerpunktgebiete - dort ändert sich weniger. Im Tiefland und in höheren Lagen ist die Veränderung am deutlichsten spürbar.

Hilft Insektenschutzgesetz oder Naturschutz dagegen?

Indirekt teils umgekehrt: Renaturierung von Bächen erhöht Kriebelmücken-Brutmöglichkeiten. Insektenschutz ist trotzdem sinnvoll - die Gesamtbilanz für die Biodiversität ist positiv.

Kommen neue Arten aus dem Süden?

Bisher nicht in dramatischem Umfang dokumentiert. Anders als bei Stechmücken (Tigermücke, Buschmücke) sind bei Kriebelmücken keine spektakulären Neueinwanderer in Mitteleuropa bekannt.

Quellen

  1. Goethe-Universität Frankfurt: Kriebelmücken - Zunahme der Blutsauger in Deutschland erwartet. aktuelles.uni-frankfurt.de
  2. Umweltbundesamt: Kriebelmücken in Deutschland. umweltbundesamt.de
  3. Klima-Warnsignale (Uni Hamburg): Vektor-übertragene Erkrankungen und Klimawandel. klima-warnsignale.uni-hamburg.de
  4. Haplotype-Analysen an Simulium equinum (2023): Genetische Durchmischung in der Paläarktis. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
  5. Pharmazeutische Zeitung: Mehr Kriebelmücken in Deutschland prognostiziert. pharmazeutische-zeitung.de
  6. MDR: Kriebelmücke breitet sich aus. mdr.de